Wie man eine Geschichte schreibt(Leseprobe)
in Sacha Storz: Mein Lieblingston ist ein hohes Pfeifen
Uzzi Verlag, Düsseldorf , 2003

Wie man eine Geschichte schreibt

Irgendwas schreiben, irgendwas. Aber was, verdammt. Ein Thema. Eine Story. Und mir fällt ums Verrecken nichts ein. Ach was, ich nehm einfach was, was es schon gibt und änder's ein bisschen ab. Das merkt doch keiner. Also vielleicht: Ein Mann wacht in der Frühe auf und merkt, dass er ein Käfer ist. Nein, das ist zu auffällig, oder?

Gut, ein bisschen verschleiern muss ich das ganze schon. Also vielleicht: Eine Frau wacht in der Frühe auf und bemerkt, dass sie ein... ein... Ja, was eigentlich? Käfer wäre zu eindeutig.

Also gut: Eine Frau wacht in der Frühe auf, und bemerkt, dass sie eine Salatgurke ist. Nein, das geht nicht, Salatgurke ist phallisch. Und damit sexistisch, das wäre politisch nicht korrekt. Also gut: Eine Frau wacht in der Frühe auf und... nein! Noch besser: Eine Frau wacht mitten in der Nacht auf (dann merkt keiner mehr was). Und stellt fest, dass sie ein Rührmixer ist.

Immer noch nicht wirklich gut.

Eine junge Frau wacht nachts auf und stellt fest, dass sie ein Klemmspot ist. Nein, auch nicht... Ein junge Frau wacht nachts auf und stellt fest, dass ihre Mutter ein Klemmspot ist. Das ist es!

Ein junge Frau wacht nachts auf und stellt fest, dass ihre Mutter ein Klemmspot ist. Jahrelang hatte die Mutter sie belogen, so getan, als wäre sie eine ganz normale Frau aus Fleisch und Blut. Aber nein! Sie ist ein Klemmspot, der vor vielen Jahren in einer halsbrecherischen Aktion aus einem Ikea entkam. Ihre damaligen Ausbruchskomplizen, ein Rührmixer und ein billiges Kopfkissen gingen nach Amerika, um dort ihr Glück zu versuchen. Sie aber fühlte sich zu heimatverbunden für eine Emigration und fing in Kleinschnakhausen ein bürgerliches Leben an. Sie heiratete einen Versicherungsvertreter und schenkte ihm zwei Kinder.

Die junge Frau ist außer sich. Sie weckt ihren Bruder im Nachbarzimmer.

"Was ist denn los?" sagt der schlaftrunken. "Spinnst du? Weißt du, wie viel Uhr es ist?"
"Mutter...", sagt sie tränenerstickt, die Worte wollen ihr kaum über die Lippen. "Mutter hat uns belogen. Sie ist ein Klemmspot."

Ok. So weit, so gut. Nur, was sagt der Bruder jetzt? Ist er überrascht? Erschüttert? Gleichgültig? War er gar eingeweiht und ein archetypischer Geschwisterkonflikt bahnt sich an? Hmm... Nein, das mit dem Bruder ist irgendwie nicht gut. Die junge Frau muss existentiell auf sich selbst gestellt sein. Verzweifelt, hilflos, allein. So wie ich. Also:

Die junge Frau ist außer sich. Sie stürmt ins Schlafzimmer der Eltern und macht das Licht an. Und da sind sie, ihre Eltern: Die Mutter klemmt an der Querstrebe des Vaters, der ein Mikrofonständer ist. Unfassbar! Vom Regen in die Traufe.

"Gott ist tot", stöhnt die junge Frau und bricht schluchzend zusammen. Bums, der Vorhang fällt. Ende der Geschichte.

Naja, so ganz zufrieden bin ich noch nicht. Die Charaktere sind noch nicht wirklich ausgefeilt, oder? Mehr Details bräuchte das ganze auch, mehr Hintergrundinfo, um die Story plastischer zu machen für den Leser. Also:

Ein junge hübsche Frau Anfang Zwanzig, die Jura studiert und Pferdeposter sammelt, wacht nachts auf und stellt fest, dass ihre Mutter, eine Gymnasiallehrerin in den Fünfzigern, ein Klemmspot ist. Sie geht kurz zum Kühlschrank, um ihre Gurkenmaske zu erneuern und stürmt dann in das Zimmer der Eltern. Unbarmherzig betätigt sie den Lichtschalter. Der Vater, ein Mikrofonständer, der schon mit Freddie Mercury und Alanis Morissette auf Tour war, fährt hoch.

Er lag ohnehin wach, weil ihn die Frage nicht schlafen ließ, wie er die Raten für die Fassungsrundumerneuerung bezahlen soll, die er seiner Frau zu Weihnachten schenken will. "Vater", schreit die junge Frau. "Ihr habt mich belogen!"

"Das ist nicht wahr!" ruft er geistesgegenwärtig. Schnell schlüpft er in seine Versicherungsvertreterverkleidung und tut so, als wäre alles ganz normal. Die Mutter ist inzwischen vom Lärm erwacht und bemerkt entsetzt, dass die geliebte Tochter ihr Geheimnis entlüftet hat. "Wieso hast du unser Geheimnis entlüftet?" schluchzt sie.

"Weil es nachts immer gluck-gluck-plätscher-plätscher machte, und ich nicht schlafen konnte", antwortet die Tochter. Der Vater schüttelt den Kopf.

"Ich wusste, dass es irgendwann so kommen muss, Knöllm", sagt er zu seiner Frau. Knöllm ist die Ikeabezeichnung für Klemmspots, und er hat sich all die Jahre nie an ‚Mathilde' gewöhnen können. Liebevoll nannte er seine Frau immer nur ‚Knöllm'.

"Warum wart ihr nicht ehrlich zu mir?" schreit die Tochter.
"Wir hatten Angst, dass du uns nicht so akzeptierst, wie wir sind", sagt die Mutter, immer noch unter Tränen.

"Aber Mutter! Vater! Ich liebe euch doch. Ich würde euch immer akzeptieren!"

Die drei fallen sich weinend in die Arme. Bums, der Vorhang fällt. Ende.

Eine super Geschichte!

Wie man eine Geschichte schreibt(Leseprobe)
in Sacha Storz: Mein Lieblingston ist ein hohes Pfeifen
Uzzi Verlag, Düsseldorf , 2003