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Gestohlenes Leben
(Leseprobe)
in Sacha
Storz: Mein Lieblingston ist ein hohes Pfeifen
Uzzi Verlag, Düsseldorf , 2003
Gestohlenes Leben
Ich bewege mich ungern in der Subkultur. Ich bewege mich auch
ungern in der Kultur. Doch die blasierte Oberflächlichkeit
der Kultur ist noch eher zu ertragen, als der derbe aufdringliche
Gestank der Subkultur. Am Nachbartisch ordnet eine Frau ihre Fotos.
Sie sieht aus wie eine verlebte Prostituierte Mitte Vierzig, wie
eine Trinkerin nach zu vielen Jahren Rotlichtviertel. Menschen
in der Subkultur sind intensiver als Menschen in der Kultur. Wenn
ich von jemandem behaupte, er habe Kultur, wird das oft als Kompliment
verstanden. Ich meine aber damit, dass er prätentiös,
artifiziell und fade ist. Ein bisschen so wie ich. Menschen aus
der Subkultur sind direkter, präsenter, schmutziger und verzweifelter.
Das macht sie echter, auf Dauer aber auch unerträglich.
Ich schlendere am Nebentisch vorbei und werfe dabei wie zufällig
ein verlassenes Glas auf dem Tisch hinter der Prostituierten um.
"Scheiße", rufe ich, und erwartungsgemäß
dreht sie sich um, bemerkt nicht, dass ich diesen Augenblick nutze,
hinter ihrem Rücken eines der Fotos einzustecken. Ich entschuldige
mich, winke der Bedienung und gehe zum Schein zur Toilette.
Auf der Toilette betrachte ich das Foto. Es zeigt ein junges
blondes Mädchen, vielleicht fünf Jahre alt. Auf den
ersten Blick ein unscheinbares Familienfoto. Könnte es sein,
dass es sich um die vor vielen Jahren gestorbene Tochter der Frau
handelt? Sie hat den Schmerz nie verwunden. Sie macht sich Vorwürfe,
hätte sie nur ihr Leben anders gelebt, sich rechtzeitig vom
brutalen Freund aus dem Milieu getrennt. Hätte sie nur weniger
Schnaps getrunken und nicht die Wohnung verloren. Vielleicht wäre
dann die kleine Anna noch am Leben.
Es könnte auch sein, dass es ein Bild ihrer Enkelin ist.
Sie wurde früh schwanger, von irgendeinem Freier, wollte
nicht abtreiben, und als sie ihr Kind zur Welt gebracht hatte,
wuchs es bei den Großeltern auf. Sie hatte nie wirklich
Kontakt zu ihrer Tochter, vor allem, weil die Großeltern
sie von ihr fernhielten. Heute weiß sie nur, dass ihre Tochter
jung geheiratet hat, auf dem Land lebt und selbst eine kleine
blonde Tochter hat, ihr Enkelkind. Viel mehr als ein paar Fotos,
die sie von der Mutter aus Mitleid bekam, hat sie nicht von der
Familie. Ein, zwei mal pro Woche breitet sie diese Fotos vor sich
aus, so wie heute, und denkt darüber nach, wie alles hätte
anders verlaufen können.
Ich verlasse das Lokal, ich nehme ein wenig Leben aus der Subkultur
mit, in Form eines Fotos. Ein Stück Papier, das unendlich
viele Geschichten birgt. Es fasziniert mich, dass ich nicht weiß,
welche der Realität entspricht. Ich werde einige ausgewählte
davon um das Foto spinnen, exemplarische Geschichten, hypothetische
Leben, und so werde ich Kultur und Kunst produzieren, der schmutzigen
Realität beraubte Zeugnisse von Menschlichkeit. Ich stehle
ein Stück Leben aus der Subkultur und gieße es in den
leblosen Glaspalast der Kultur, damit wir Intellektuellen uns
bei meiner nächsten Vernissage daran ergötzen können.
"Gestohlenes Leben"...
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Gestohlenes Leben
(Leseprobe)
in Sacha
Storz: Mein Lieblingston ist ein hohes Pfeifen
Uzzi Verlag, Düsseldorf , 2003
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