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Marktplatz
(Leseprobe)
in Wechsel.
Anthologie. Kurzgeschichten-Wettbewerb 2002,
Herbert Utz Verlag, München
© Sacha Storz, 2002
Marktplatz
Marktschreierisch, so sind sie, die Marktschreier auf dem Platz.
Sie schrien sich die Seele hinaus, wenn sie eine hätten.
Sie packen dich mit ihrer Stimme und prügeln dich von links
nach rechts und wieder zurück. Sie rütteln an deinem
Herzen und zerren dich mit ihren Worten über den Marktplatz.
Tu dies, tu das. Schau hierhin, schau dorthin. Wenn man einmal
den Platz betreten hat, entkommt man nicht mehr.
Als ich den Marktplatz betrat, kam ich durch das Südtor.
Das Südtor ist das rote, das mit den hellroten Verzierungen,
mit den zwei riesigen eisernen Flügeltüren und den goldenen
Zinnen, auf denen die Begrüßungsschreier stehen.
Am Tag, an dem ich ankam, kamen vielleicht ein paar tausend Leute
durchs Südtor, und durch die drei anderen Tore natürlich
ebenfalls. Ich bin ganz froh, von Süden her gekommen zu sein,
stellen Sie sich vor, durchs Westtor, aus der schrecklichen Kälte,
das wäre nichts für mich. Oder der Norden, die gläserne
Stille aus der die Leute durchs Nordtor kommen. Nein, das Südtor
war schon genau richtig für mich, denke ich.
Yolo fragte mich einmal "Wie kann das wohl sein, dass immer
mehr Leute jeden Tag den Marktplatz betreten, aber nie einer wieder
von hier verschwindet? Ich meine, dann müsste es hier doch
immer mehr Menschen geben, und irgendwann müsste der Platz
voll sein?"
"Er ist ja auch ziemlich voll", sagte ich.
"Ich bin hier schon fast dreihundert Jahre, und er war immer
schon so voll. Ich verstehe nicht, wo all die neuen Leute unterkommen."
"Ich weiß es auch nicht", sagte ich.
Natürlich hat er recht. Es ist merkwürdig, dass man
den Ort nicht mehr verlassen kann, dass jeden Tag all die Leute
durch die Tore kommen, und es dennoch nicht wirklich voller wird
hier drinnen. Die Marktschreier, die wüssten vielleicht die
Antwort, aber sie antworten nicht auf Fragen. Sie schreien sich
nur die Seele hinaus. Wenn sie eine hätten.
[...]
Marktplatz
(Leseprobe)
in Wechsel.
Anthologie. Kurzgeschichten-Wettbewerb 2002,
Herbert Utz Verlag, München
© Sacha Storz, 2002
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