|
Die Näherinnen (Leseprobe)
in Sacha
Storz: Mein Lieblingston ist ein hohes Pfeifen
Uzzi Verlag, Düsseldorf , 2003
Die Näherinnen
Die Näherinnen von Arbrand nähen unaufhörlich
und unermüdlich, bei Tag im Licht der schwachen Sonne, die
durch die milchigen Scheiben der Fabrik fällt, bei Nacht
im Schein der Öllampen, die nach Walfett riechen und zum
Himmel rußen. Sie nähen unermüdlich und ohne Unterlass.
Manche sagen, sie nähen an einem Segel für die Welt,
damit wir zur Sonne fliegen können, wo es warm ist und hell
wie im Frühling. Manche sagen, sie nähen an einem riesigen
Schleier, der die ganze Erde verkleiden wird, damit man darunter
ein Zuhause findet. Und manche sagen, sie nähen an einem
Kronmantel für den Lieben Gott, wenn er denn in tausend mal
tausend Jahren auf die Erde kommt. Doch manche sagen auch einfach,
man weiß es nicht und wird es niemals in Erfahrung bringen,
woran sie wohl nähen, die Näherinnen in Arbrand.
In ihren Fabrikhallen wird eine Sprache gesprochen, die kein
anderer versteht, nicht in der ganzen weiten Welt, und wenn sie
sich selten und leise Dinge zuflüstern, könnte man deshalb
nicht sagen, ob sie nun scherzen oder ernst sind, ob sie klagen
oder klatschen, oder sich vielleicht einfach nur zuraunen "Mach
diesen Nadelstich enger, mach jenen Zierfaden hübscher".
Man versteht schlichtweg nichts von dem Geflüster, das zwischen
den milchigen Scheiben und grauen Wänden hin und her tanzt,
bis es kurze Zeit später verklungen ist, man bleibt fremd,
wie das Frühlingslicht fremd ist dort drinnen oder die Wärme
eines Julitages am südlichen Meer.
Man kann also nur zusehen ohne teilzuhaben, wie sie nähen
unermüdlich und ohne Unterlass, stumm in ihr Werk vertieft.
Hin und wieder essen sie ein Stück Brot, karg und trocken
aus hölzernen Schalen, die überall umherstehen, oder
sie trinken einen Schluck Tee aus erdfarbenen Tassen, die nie
leer werden. Dieser Tee, den sie trinken, ist stark und heiß
und dunkel und schmeckt ein wenig nach Schweiß, und doch
ist man dankbar, wenn man einen Schluck abbekommt aus einer überzähligen
Tasse, weil es kalt ist in den Hallen, diese Art Kälte, die
vom steinernen Boden her ins Gemüt aufsteigt, die Art Kälte,
die nur starker heißer Tee vertreiben kann, der nach Schweiß
schmeckt.
So gewärmt in der Seele schaut man umher, und plötzlich
blühen die Augen als wäre es Wein oder Glockenschierling
gewesen und kein Tee, den man getrunken hat, und plötzlich...
[...]
Die Näherinnen (Leseprobe)
in Sacha
Storz: Mein Lieblingston ist ein hohes Pfeifen
Uzzi Verlag, Düsseldorf , 2003
|
|